»Das war kein Werfen von Wattebällchen«

Ein gekündigtes Betriebsratsmitglied bei der »nora systems« GmbH in Weinheim kann zurück in das Unternehmen. Ein Gespräch mit Wolfgang Alles

Interview: Daniel Behruzi

IG-Metall-Betriebsrat bei Alstom in Mannheim und aktiv im Komitee »Solidarität mit Helmut Schmitt«Wolfgang Alles ist IG-Metall-Betriebsrat bei Alstom in Mannheim und aktiv im Komitee »Solidarität mit Helmut Schmitt«

jungeWelt: Vor einem halben Jahr ist das langjährige Betriebsratsmitglied Helmut Schmitt beim Industriebodenbelaghersteller nora systems GmbH in Weinheim zunächst aus dem Betriebsrat ausgeschlossen und dann von der Geschäftsleitung fristlos gekündigt worden (siehe jW vom 23. und 26. Juli). Wieso konnte Schmitt die Arbeit jetzt wieder aufnehmen?

Wolfgang Alles: Die offenkundig falschen und haltlosen Vorwürfe der Betriebsratsmehrheit und des Managements hatten vor dem Arbeitsgericht Mannheim keinen Bestand. Der zuständige Arbeitsrichter hatte deshalb Mitte November den drei Prozeßparteien – der Geschäftsleitung, der Betriebsratsmehrheit und dem Kollegen Schmitt – einen Vergleich vorgeschlagen, der nach einigem Hin und Her angenommen und mit einer gemeinsamen Presseerklärung besiegelt worden ist.

Was besagt der Vergleich?

Laut Pressemitteilung werden sowohl die fristlose Kündigung als auch der Ausschluß aus dem Betriebsrat zurückgenommen. Das ist ein großer Erfolg der Solidarität. Denn damit konnte die rücksichtslos betriebene Ausschaltung eines aktiven Betriebsratsmitglieds rückgängig gemacht werden.

Also ging es um einen rein arbeitsrechtlichen Konflikt?

Natürlich war – und ist – dies vor allem eine politische Auseinandersetzung. Im Kern geht es einerseits um die Frage der Meinungsfreiheit im Betrieb und der Handlungsmöglichkeiten eines aktiven Betriebsratsmitglieds wie Schmitt. Andererseits ging und geht es um die enge Kollaboration zwischen einer Geschäftsleitung und deren Betriebsratsmehrheit mit dem Ziel, eine kritische, sich für die Belegschaft engagierende Minderheit der Interessenvertretung auszuschalten. Um es klar zu sagen: Das war kein Werfen von Wattebällchen, sondern der Versuch der Existenzvernichtung im Vorfeld eines angestrebten Verkaufs des Unternehmens.

Welche Rolle hat das Solidaritätskomitee in dieser Auseinandersetzung gespielt?

Die betrieblichen und überbetrieblichen Rückmeldungen lassen den Schluß zu, daß das seit Anfang Juli 2012 bestehende Komitee eine sehr nützliche, vielleicht sogar unersetzliche Rolle gespielt hat – als zentraler Organisator, Koordinator und Multiplikator der betriebs- und gewerkschaftsübergreifenden Solidarität und damit auch der Öffentlichkeitsarbeit. Es hat die Kolleginnen und Kollegen bei nora systems, die sich gegen die Entlassung zur Wehr gesetzt haben, unter anderem durch das Verteilen von Infoblättern unterstützt. Zudem hat es zweifelsohne dazu beigetragen, die erfreulich große Bereitschaft zur Unterstützung von Helmut Schmitt und zum Protest gegen die Machenschaften bei nora systems auch in der Öffentlichkeit noch wirksamer werden zu lassen.

Gibt es dafür konkrete Beispiele?

Ja, zahlreiche. Viele Betriebsratsgremien der Region haben unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorfälle Solidaritäts- beziehungsweise Protestbekundungen verfaßt. Gewerkschaftsmitglieder haben umgehend Stellung für Schmitt bezogen – beispielweise der DGB Weinheim sowie die IG BCE und die IG Metall in Mannheim. Gewerkschaftliche, betriebliche und politische Gruppen aus der gesamten Republik und viele einzelne Kolleginnen und Kollegen haben den Kampf für seine Wiedereinstellung unterstützt. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sind unentgeltlich beim Solifest gegen den »Skandal bei Nora« am 28. September in Weinheim aufgetreten, zu dem 250 Leute gekommen sind.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Rückkehr von Helmut Schmitt in den Betrieb ist innerhalb und außerhalb der Firma von sehr vielen Kollegen freudig begrüßt und als großer Erfolg gefeiert worden. Im Werk wird die Forderung nach Rücktritt der bisherigen Betriebsratsmehrheit und Neuwahlen erhoben. Zudem ist die Absicherung der Belegschaftsinteressen bei dem anstehenden Verkauf des Unternehmens eine höchst aktuelle Aufgabe. Alle Beteiligten können sich gewiß sein, daß die weitere Entwicklung bei der nora systems GmbH genau verfolgt werden wird.

Kontakt Solidaritätskomitee: E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! - hier auch Solidaritätskonto anfragen.

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