Bodenbeläge: Ehemalige Freudenberg-Tochter bekommt neue Eigentümer / DGB fürchtet um Jobs / Betriebsrat fristlos gekündigt

Weinheimer nora vor erneutem Verkauf

Von unserem Redaktionsmitglied Michael Roth

MANNHEIM. Der Bodenbelaghersteller nora systems, nach Freudenberg der zweitgrößte Arbeitgeber in Weinheim, soll neue Eigentümer bekommen. "Die Anteilseigner prüfen zur Zeit strategische Verkaufsoptionen", sagte ein Sprecher auf Anfrage. Über einen Zeitplan wollte er keine Auskunft geben. Dem Vernehmen nach soll der Prozess aber noch in einem frühen Stadium sein.

Nora gehört den Finanzinvestoren Capiton und L-Eigenkapitalagentur. Eigner der Agentur ist die L-Bank, deren Eigentümer wiederum das Land Baden-Württemberg ist. Das Weinheimer Unternehmen wurde vor fünf Jahren von Freudenberg an die beiden Investoren verkauft. Ein Weiterverkauf durch Finanzinvestoren nach einigen Jahren sei ein völlig normaler Prozess, sagte der Sprecher.
Heute hat nora weltweit 1100 Mitarbeiter, davon rund 900 in Weinheim. Im vergangenen Jahr wurde ein Umsatz von 196,7 Millionen Euro erzielt, die Ertragslage bezeichnete der Sprecher als "sehr gut". Zu Investitionen am Standort Weinheim machte er keine Angaben. Aus anderen Quellen wird die Zahl 50 Millionen Euro an Investitionen genannt.

Trotz Rohstoffpreissteigerungen (nora ist Weltmarktführer für hochwertige Bodenbeläge aus Kautschuk) sei die Geschäftsentwicklung ausgezeichnet, man habe zahlreiche Großprojekte gewonnen, hob der Sprecher hervor. Bekanntestes nora-Großprojekt aus der Vergangenheit ist der Bodenbelag am Frankfurter Flughafen. Bodenbeläge aus Weinheim wurden jüngst auch bei der Erweiterung des Flughafens Shanghai Pudong verlegt.

Wie schon beim Verkauf durch Freudenberg im Jahr 2007 (damals machte nora rund 160 Millionen Euro Umsatz) gibt es auf der Arbeitnehmerseite nun wieder Befürchtungen, dass das Unternehmen an einen Wettbewerber verkauft werden könnte. Damals war der Schweizer Konkurrent Forbo im Gespräch. Um das zu verhindern, blockierten Mitarbeiter sogar die Werkstore. Freudenberg hatte daraufhin eine Gesprächsrunde mit interessierten Wettbewerbern gestoppt und später an die Finanzinvestoren verkauft.

Auch heute geht wieder die Angst vor dem Verkauf an einen Wettbewerber um, der bei nora die berühmt-berüchtigten Synergieeffekte zulasten der Belegschaft und des Standorts Weinheim heben könnte. "Wir sehen die Verkaufspläne mit großer Sorge", sage Carsten Labudda vom Vorstand des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) in Weinheim. Und noch etwas stößt ihm bitter auf. Gerade jetzt, wo über einen Verkauf gesprochen werde, sei das nora-Betriebsratsmitglied Helmut Schmitt fristlos entlassen worden. Schmitt ist zugleich Vorsitzender der Ortsgruppe Weinheim der IG BCE. "Das ist kein gutes Signal", so Labudda, zumal Schmitt bei den Betriebsratswahlen im vergangenen Jahr derjenige mit den meisten Stimmen gewesen sei.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 06.07.2012